Im Rahmen des Projekts des Open Place durfte ich das Projekt von seiner ersten Idee an begleiten – ein Prozess, der wie das Entstehen eines Mosaiks war: viele kleine, individuelle Teile, die sich zu einem beeindruckenden Gesamtbild zusammenfügen. Besonders faszinierend war für mich der Austausch zwischen den Architektur-Studierenden der HTWG und der Gemeinde, der wie ein lebendiger Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft wirkte.
Die Studierenden brachten mit ihren Entwürfen eine frische Brise in die altehrwürdigen Mauern unserer Kirche, die seit Jahrzehnten einen Raum für Gemeinschaft, Besinnung und Hilfe bietet. Ihre Ideen waren wie zarte Pinselstriche auf einer Leinwand, die die Flexibilität und Offenheit dieses besonderen Ortes neu interpretierten. Gleichzeitig trugen die Stimmen der Gemeinde – voller Lebenserfahrung und emotionaler Verbundenheit – dazu bei, die Entwürfe zu erden und mit einer Tiefe auszustatten, die nur aus gemeinsamem Austausch entstehen kann.
Kirchenräume sind besondere Räume – beinahe wie stille Wächter, die über ihre Umgebung wachen. Von außen oft wie Leuchttürme der Orientierung, entfalten sie im Inneren eine Atmosphäre, die durch Licht, Klang und Proportion beinahe magisch wirkt. Es ist ein Raum, der Geschichten erzählt, der Menschen berührt und gleichzeitig Raum für Wandel lässt. Genau hier setzte das Projekt an: Wie kann ein solcher Ort den heutigen Ansprüchen an Offenheit und Vielseitigkeit gerecht werden, ohne seine Essenz zu verlieren?
Während der Coronapandemie wurde die Kirche zum Café, und mit dieser neuen Nutzung öffneten sich Türen – nicht nur physisch, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Diese neuen Möglichkeiten und Überlagerungen aufzugreifen und weiterzudenken, war die Aufgabe der Studierenden. Mit kreativer Leidenschaft und in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde entwarfen sie Konzepte, die nicht nur funktional, sondern poetisch waren – wie ein neues Kapitel, das auf einer alten, wohlgeformten Seite beginnt.
Unter der Leitung von Prof. Myriam Gautschi und inspiriert durch eine Exkursion nach Zürich, bei der Prof. Christoph Sigrist die spirituelle und architektonische Dimension von Kirchenräumen vertiefte, entstanden Entwürfe, die wie Brücken zwischen Altem und Neuem wirken. Einer dieser Entwürfe wird nun dauerhaft in unserer Kirche umgesetzt – ein Symbol für den gelungenen Dialog zwischen jungen Architekten und einer traditionsreichen Gemeinde.
Diese Zusammenarbeit, dieses gegenseitige Befruchten von Ideen und Perspektiven, fühlte sich an wie das Zusammenwirken verschiedener Stimmen in einem Chor: jede individuell, aber im Einklang eine harmonische Einheit. Der „Grenzstein“-Preis des ArchitekturForums KonstanzKreuzlingen ist eine würdige Krönung für dieses Projekt, das die Grenzen zwischen Stadt und Gemeinde, Theorie und Praxis, Vergangenheit und Zukunft auf so inspirierende Weise überwunden hat.
Für mich bleibt das Projekt nicht nur ein gelungenes Beispiel für architektonische Kreativität, sondern auch eine tiefe Erinnerung daran, wie kraftvoll menschliche Begegnungen sein können – wenn Menschen sich öffnen, voneinander lernen und gemeinsam etwas Neues schaffen, das die Zeit überdauert.
Wir freuen uns sehr, dass die Neugestaltung der Kirche in einem Folgeprojekt der HTWG und ev. Kirchengemeinde Kreuzlingen ab dem Sommersemester 2025 weitergeht.


